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> INTEGRATION < Wovon lebt die syrische Familie jetzt? Inzwischen ist die Ausbildung von Herrn Jarach als medizintechnisches Bakkalaureat vom österreichischen Staat anerkannt, er hat seinen Führerschein nachgemacht, mit großem Talent sein Deutsch immer weiter perfektioniert. Seit einigen Wochen hat er nun sogar schon eine eigene Anstellung: Seine Sprachfähigkeiten und sein soziales Geschick werden vom Roten Kreuz in Anspruch genommen, um Flüchtlinge zu betreuen, die in verschiedenen Häusern im Bezirk untergebracht sind. Er ist also Das ehemalige Benefiziatenhaus in Rohrbach TEXT // fr. Hermann Josef Das sogenannte St.-Georgs-Stöckl wird den meisten wohl als ehemalige Kirchenbeitragsstelle in Erinnerung sein. Noch etwas früher war darin der Kindergarten untergebracht. Ursprünglich wurde das Stöckl aber 1884 als Benefiziatenhaus errichtet, und zwar im Stil einer kleinen Villa. Bei der Flüchtlingsunterbringung spielt die Standortfrage eine große Rolle. Für Rohrbach sprach die gute Infrastrukturanbindung durch öffentliche Verkehrsmittel. Zudem zeichnet sich die Bezirkshauptstadt durch zahlreiche Einrichtungen Ende Juli konnten die ersten Asylwerber, nach Aufenthalten etwa in Traiskirchen und Salzburg, ihre vorläufige Bleibe beziehen. Die Bewohner des Stöckls sind vorwiegend syrischer und somalischer Abstammung und werden von wenigen Kurden, die als „Staatenlose“ geführt werden, ergänzt. Der Bildungsstandard der durchwegs männlichen Flüchtlinge ist keineswegs zu des öffentlichen Lebens aus, die den Alltag, insbesondere die Behördengänge der Asylwerber, erheblich erleichtern. Um Asylwerber im Stöckl unterbringen zu können, mussten jedoch einige Maßnahmen ergriffen werden. Eine Küche, ein Badezimmer, Fenstervorhänge in den Zimmern und ein Waschmaschinenanschluss mussten installiert werden. Binnen weniger als zwei Wochen vollbrachten unsere Mitarbeiter sowie einige regionale Unternehmen ein kleines Wunder, sodass die Übergabe an die Volkshilfe OÖ termingerecht erfolgen konnte. Die tatkräftige Unterstützung seitens der Gemeindearbeiter der Gemeinde Rohrbach-Berg und der Bezirkshauptmannschaft Rohrbach soll hier ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. unterschätzen. Teils kommen sie aus wohlhabenden Verhältnissen, bevor der Krieg sie zwang, Haus und Besitz zurückzulassen. Ein großer Teil hat Frau und Familie, doch diese sind verstreut in verschiedenen Flüchtlingsauffanglagern, europäischen Ländern oder in der Heimat. Die Bewohner des Stöckls zeichnen sich durch Freundlichkeit, Lebenswillen und Gastfreundschaft aus, soweit es ihnen eben möglich ist, diese zu zeigen. Viele der nunmehrigen Bewohner des Stöckls halfen bei den Adaptierungsarbeiten mit und konnten so ihre Hilfsbereitschaft zeigen. Wir dürfen nicht über ihre Anzahl aus der Fassung geraten, sondern müssen sie vielmehr als Personen sehen.“ Papst Franziskus am 24. September 2015 vor dem US-Kongress Durch viele Freiwillige und Ehrenamtliche erhalten sie derzeit in Rohrbach fast täglich Deutschunterricht, der dankbar angenommen wird. Anfänglich war eine Verständigung mit den meisten nur auf Englisch möglich, mittlerweile zeitigt der Deutschunterricht aber erste Resultate. Über die Rohrbach-Berger sprechen sie ganz allgemein mit großer Dankbarkeit, da diese ihnen mit Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnen. Die Flüchtlinge in Rohrbach TEXT // fr. Hermann Josef nicht nur völlig selbstständig und bezahlt Miete für seine Wohnung, sondern er ist auch für die vielen, die oft sehr lange auf ihre Bescheide warten, eine lebendige Motivation, diese Zeit auch sinnvoll zu nutzen und das eigene Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Sollte man mit diesen Erfahrungen nicht viel offensiver in die Öffentlichkeit gehen? Es geht nicht darum, Imagepflege zu betreiben – das wäre für mich eine Form von Missbrauch dieser Menschen in Not. Aber es schadet nicht, davon auch zu sprechen und zu zeigen, was möglich ist: Als Papst Franziskus die Idee formulierte, jede Pfarre und jedes Kloster sollte eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen, hat sich bei uns ein Mitbruder aus Tschechien gemeldet. Er hat mich um einen Erfahrungsbericht gebeten, denn in seinem Ort gibt es noch eine sehr große Skepsis gegenüber Flüchtlingen. Ich hoffe, dass ein solcher Erfahrungsaustausch zu einer größeren Solidarität in ganz Europa führt, denn als Einzelne werden wir diese Krise nicht bewältigen können. – 19 –


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