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Lumen_2015

> STIFT < Der Kreuzgang – eine Brücke zur Welt Mit dem Kreuzgang des Stiftes Schlägl, das ja ursprünglich als Zisterzienserkloster gegründet wurde, hätte der hl. Bernhard wohl seine Freude gehabt. Er ist weder übermäßig groß noch hoch, nicht mit Gold geziert, er verfügt über keine fein aus Marmor gehauenen Fabelwesen und keine schön verzierten Säulenkapitelle. Vielmehr handelt es sich um einen schlichten und einfachen Bau, der in seiner Einfachheit den Idealen der Reformklöster des Mittelalters durchaus entspricht. Vielleicht haben die Prälaten und Mitbrüder von Schlägl in früheren Zeiten von einem repräsentativeren, reicher geschmückten, mit kostbaren Kunstwerken ausgestatteten Kreuzgang geträumt. Doch dazu ist es nicht gekommen. Es war wohl nicht so sehr das hochmittelalterliche Ordensideal, sondern vielmehr die angespannte finanzielle Lage, unter der das Stift Schlägl die meiste Zeit seines Bestehens gelitten hat, die dem Kreuzgang seine schlichte Form bewahrte. Der Kreuzgang möchte kein Museum sein, sondern vielmehr eine Brücke bilden. Er verbindet Kirche und Klausur, Contemplatio und Actio, Gebet und Arbeit, Sakrales und Profanes. Jedes mittelalterliche Kloster hat einen Kreuzgang. Über ihn sind die Kirche, der Kapitelsaal, der Speisesaal und die Bibliothek zu erreichen. Er erfüllt aber nicht nur einen funktionalen Zweck, sondern hat vor allem sakralen Charakter. Dies drückt sich etwa darin aus, dass man TEXT // H. Petrus in den Hof des Kreuzgangs häufig Kapellen gebaut hat, wie in Schlägl die Kapelle des hl. Vitus. Er diente sowohl der stillen Meditation als auch der geistlichen Lesung und mit seinen vier Flügeln als Weg für festliche Prozessionen. Schließlich wurde er auch als Friedhof für die verstorbenen Mitbrüder genutzt. Unser Kreuzgang in Schlägl verbindet nicht nur die einzelnen Gebäudeteile, sondern auch alle Epochen der Stiftsgeschichte. Das Mauerwerk stammt aus der Gründungszeit des Klosters, dem 13. Jahrhundert. Einzelne Säulen, Grabsteine und ein Teil des Gewölbes in der Nordostecke gehen auf das 14. und 15. Jahrhundert zurück. Die Veitskapelle wurde im frühen 16. Jahrhundert erbaut und bildete bis weit in die Barockzeit eine beliebte Wallfahrtsstätte für die Gläubigen aus unseren Pfarren. Wohl erst Anfang des 17. Jahrhunderts hat man den Nordflügel als Seitenschiff endgültig in die Stiftskirche integriert und den Zugang zur Kirche abgemauert, nachdem bereits in der Gotik dazu Vorbereitungen getroffen worden waren. Aus dem Barockzeitalter stammen auch die Fensternischen im Westflügel. Das Gewölbe geht wohl auf das frühe 19. Jahrhundert zurück und die jetzt wieder freigelegten arkardenartigen BELEUCHTET „Ich übergehe die grenzenlose Höhe der Bethäuser, ihre übermäßige Länge und unnötige Breite, den kostspieligen Glanz und die bis ins Kleinste ausgearbeiteten Abbildungen. Dies alles zieht den Blick der Betenden auf sich und hindert die Andacht. … Mit einem Wort, es zeigt sich überall eine so große und so seltsame Vielfalt verschiedener Gestalten, dass einen mehr die Lust ankommt, in den Marmorbildern statt in den Codices zu lesen, dass man eher den ganzen Tag damit verbringen möchte, diese Dinge eins nach dem anderen zu bewundern, statt über das Gesetz Gottes zu meditieren. Bei Gott, wenn man sich schon nicht dieser Albernheiten schämt, warum tut es einem nicht wenigstens um die Kosten leid?“ Mit diesen Worten tadelte einst Bernhard von Clairvaux die klösterliche Baukunst. 2015 – 20 –


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