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Lumen_2015

> SPIRITUALITÄT < Tür wird geöffnet. Das WORT stellt sich vor. Der Gelehrte liest ihm gleich aus seinem neuesten Buch vor. Das WORT ist ganz Ohr, sieht ihn lange an … erhebt sich und geht zur Tür. „Was wollen Sie von mir?“, schreit der Gelehrte ihm nach. „Sie will ich“, sagt das WORT GOTTES, „Sie“. Die Türe schließt sich leise. Natürlich ist das leise Werben des Wortes Gottes leicht zu überhören. Gerade deshalb gilt es das Evangelium so zu lesen, dass Gott mit mir in ein lebendiges Gespräch treten will. Die Bibel müssen wir mit dem Herzen lesen. Papst Franziskus gibt den Tipp, eine Bibelstelle mit folgenden Fragen zu bearbeiten: „Herr, was sagt mir dieser Text? Was möchtest du mit dieser Botschaft an meinem Leben ändern? Was gefällt mir, was spornt mich an in diesem Wort? Was zieht mich an?“ (Evangelii gaudium Nr. 153.) Wenn ich das Wort Gottes so lese, dann wird es mich automatisch, oft still und leise verändern und verwandeln. Sag uns, wer du bist Viel Zeit verbringen wir mit der Vorbereitung der Liturgie, der Gottesdienste. Manchmal entsteht der Eindruck, dass wir den Gottesdienst machen. In Wahrheit macht Gott uns in der Feier der Liturgie, der Eucharistie, des Stundengebetes … zu neuen und anderen Menschen. Das Feiern eines Gottesdienstes ändert uns. Das gemeinsame Feiern, Beten und Singen, das Hören und Schweigen baut auf, gibt Kraft, heilt, stärkt, festigt die Gemeinschaft, gibt Lebensmut. Ist das nicht auch eine Form von täglicher Bekehrung, Neuausrichtung auf Gott? Im Messbuch heißt es in einem Gebet: „Gott, zeig uns dein Gesicht. Sag uns, wer du bist und was du für uns bedeutest. Lehre uns dich erkennen, dich verstehen, dich lieben.“ 900 Jahre Bekehrung des hl. Norbert Es war im Jahr 1115, als Norbert in ein Gewitter hineinritt und vom aufgescheuchten Pferd zu Boden geschleudert in Todesangst rief: „Was soll ich tun?“ Er vernahm eine Stimme. Kam ihm ein Psalmenwort in den Sinn? „Vermeide das Böse und tu das Gute.“ (Ps 37,27) Norbert kehrte um und begann ein neues Leben, in Askese und verstärktem Suchen und Beten. Da wurde einer regelrecht angezogen, neu gerufen, angelockt: „Du hast mich betört und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt.“ (Jer 20,7) Bei der Profess versprechen wir feierlich die „Bekehrung unseres Lebens“. Dies ist als lebenslanges Bemühen gedacht, an uns zu arbeiten, unsere Schwächen zu bekämpfen und in der Liebe zu Gott und zu den Nächsten zu wachsen. Nichts ist forderndern als dieses lebenslange Streben nach Vollkommenheit, nach Heiligkeit. Jeder Christ ist dazu berufen. Und so ist der Aufruf am Beginn jeder Messe an alle gerichtet, zuerst einmal die eigene Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit einzugestehen und den Herrn um sein Erbarmen und seine verzeihende Nähe anzurufen. Norbert änderte konsequent sein Leben, er trug ein Büßergewand, verschenkte sein Vermögen und wurde ein passionierter Wanderprediger, der nur eines wollte: „nackt dem nackten Jesus“ folgen. Umkehr ist eine Sache des ganzen Herzens, eine persönliche Entscheidung mit persönlicher Konsequenz; aber auch die Bewegung einer ganzen Gemeinschaft, die ihre Sünden loswerden will – um sich von der Gerechtigkeit Gottes erfüllen zu lassen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ (Mt 6,10) Wer so betet, mit den Worten Jesu, weiß, dass Umkehr nicht mit der Bekehrung abgetan, sondern eine permanente Dimension persönlichen und kirchlichen Glaubenslebens ist. Umkehr, Bekehrung, conversio könnte im „Jahr der Orden“ für uns eine Kehrtwende des Lebens meinen: weg von der Fixierung auf die Vergangenheit, hin zu einer Orientierung auf die Zukunft; weg von der Fixierung auf das Böse, hin zu einer Orientierung am Guten; weg von der Fixierung aufs Gehabte, hin zur Orientierung am Verheißenen. Gekürzte Fassung des Schreibens von Generalabt Thomas Handgrätinger O. Praem zum Jubiläumsjahr 2015 KOMMENTAR – 5 –


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