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Lumen_2015

> KONVENT < Richard Rohr berichtet in einem seiner Bücher von einem Einsiedler. Dieser sagte zu ihm: ,,Herr Professor, wenn Sie Bücher schreiben und in der ganzen Welt gescheite Vorträge und Predigten halten, dann sagen Sie den Menschen vor allem eines: Gott ist nicht da draußen, sondern mittendrin, im Inneren des Menschseins.“ Unsere Aufgabe ist es, uns diesen Gott stets neu bewusst zu machen. Das geschieht dort, wo wir zumindest die unruhige Ahnung haben, dass er uns anschaut und wir zurückschauen dürfen. Dieses Bewusstsein für Gott bildet meine Identität aus. Das Leben im Rhythmus eines Klosters ist eine große Hilfe dabei, das Gottesbewusstsein zu schulen. Wenn mich die Glocke ruft, gehe ich, um Gott anzuschauen und mich von ihm anschauen zu lassen. Und wenn ich einmal selber nicht so beten kann, wie ich möchte, gehe ich hin und schaue zu, wie meine Brüder beten. Dann bin ich in ihrer Gemeinschaft geborgen. Christliche Identität braucht Gemeinschaftsbewusstsein Das Christliche ist von seinem Wesen her mit dem Gemeinschaftsgedanken verbunden. In den Evangelien ist öfters davon die Rede, dass sich viele Menschen um Jesus versammelten. Das Versammeln um Jesus drückt aus, dass wir zusammengehören und wir eine Gemeinschaft in der Unterschiedlichkeit sind. Die Rede von der kleinen Herde, in der nur Gleichgesinnte ohne Meinungsverschiedenheiten sind, hört sich verlockend an. Aber abgesehen davon, dass mich persönlich schon die Erfahrung in meiner Gemeinschaft von Mitbrüdern lehrt, dass eine solche Gemeinschaft wirklich sehr klein sein müsste – 39 sind schon zu viele –, ist es nicht im Sinn Jesu, sich abzuschließen in einem Kreis der „Erwählten“. Kirche nach dem Geschmack Jesu besteht aus den vielen, keiner darf sagen: „Nur wir und ihr nicht!“ Erst im Zusammenspiel der Charismen, Begabungen, Vorstellungen und Visionen wird verwirklicht, wozu Christus die Gemeinschaft seiner Kirche braucht. Ich kann immer nur in Gemeinschaft ich selbst sein. In Österreich gibt es 200 Ordensgemeinschaften 30 Ordensspitäler 250 Ordensschulen Christliche Identität braucht Selbstbewusstsein Im Evangelium sagt Petrus einmal zu Jesus: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Ich höre da ein wenig heraus, als ob Petrus sagen wollte: Selbst wenn wir gehen möchten, wenn wir andere Pläne hätten, wohin könnten wir gehen? Es gibt zu dir keine Alternative. Für mich klingt dieses Bekenntnis selbstbewusst. Christliche Identität darf immer ein gesundes, jedoch kein überhebliches Selbstbewusstsein haben. Ich darf mit Jesus Christus so leben, als ob es keine Alternative gäbe. Man darf uns ansehen, was uns der Glaube bedeutet und wie er uns beim Leben hilft. Vielleicht ist unser Glaubensselbstbewusstsein heute etwas zu klein geworden, sodass wir wir es bei anderen Religionen etwas mehr sehen können. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum uns diese anderen öfters auch ein wenig Angst machen. Ich bin dankbar für meinen Glauben, dem ich in der Gemeinschaft von Schlägl Gestalt geben darf. Das Jahr der Orden hilft mir in dem großen Wissen, dass ich nicht nur funktionieren muss, sondern dass ich meine christliche Identität leben darf, so gut ich es eben kann. Bei Gott zähle ich als der Mensch, der ich bin, nicht als die Maschine, die funktioniert. Jahr der Orden Am 23. September 2014 präsentierten die Ordensgemeinschaften Österreich und die Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Säkularinstitute ihre Aktionen und Initiativen anlässlich des von Papst Franziskus ausgerufenen JAHR DER ORDEN 2015. Ziel ist es, dieses Themenjahr einerseits als Selbstreflexion nach innen zu nutzen und andererseits das Ordensleben nach außen als Gemeinschaftsleben erfahrbar zu machen. Geweihtes Leben meint die ungeteilte Hingabe an eine Aufgabe in der Verbundenheit mit einer Gemeinschaft nach den evangelischen Räten Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam. Es geht immer um die Lebenshingabe an Gott. In unserer Vielfalt agieren wir auf Herausforderungen unserer Zeit, der konkreten Menschen um und mit uns. Die Orden leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung. So schaffen wir Freiraum für Gott, die Welt und die Menschen. BELEUCHTET – 9 –


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